Wer hat gestern das Porträt von Georges Pretre auf ARTE gesehen , - war schon ziemlich spät ?
Ein unwahrscheinlicher Künstler. Was der an Inspiration herüberbringt, gab es nur bei wenigen Dirigenten (Bernstein, Carlos Kleiber, Rafael Kubelik z.B. einerseits und Karajan, Karl Böhm, Wolfgang Sawallisch z.B. andererseits - um nur ganz wenige zu nennen, unter deren Leitung ich spielen durfte). Man mag das "Ganz-Körper-Dirigieren" nennen. Das Beeindruckendste war bei allen der Gesichtsausdruck. Bernstein, Kleiber und eben Pretre waren bzw. sind da extrem. Man kann jeden Ausdruck ablesen und muß ihn dann umsetzen. Dazu bedarf es aber der vollen Beherrschung des Instruments. Ein derartiger Dirigent steht schon nahe an der "Verrücktheit". Wenn dann der ungeheure Charme dazu kommt wie bei Bernstein und Pretre, voila, dann muß einfach alles gelingen, auch wenn man anfangs nicht 100%-ig mit der Interpretation einverstanden ist, weil man je in diesen Dingen sehr routiniert ist. Bei diesen großen Maestros war nichts Routine, nicht einmal das Auftrittsritual. Für uns waren z.B. die Vorstellungen mit Carlos Kleiber wie irre Raserei auf dem Nürburgring und der verbundenen Nervenbelastung. Was aber dabei herauskam, das hat dafür entschädigt. Das war aber ganz unterschiedlich. Pretre, Kleiber und Bernstein boten oft das Bild einer wilden Orgie, wobei Bernstein trotz der "physischen Schau" (Böhm hat bei einer Probe nach einem Figaro-Pausenplausch mit Bernstein im JFK Center - ich stand daneben - gesagt: "Soll I normal dirigieren oder a hupfn ?") sich ziemlich genau an die Komponistenvorgaben hielt. Pretre zeichnet Bilder, d.h. er versucht ganz intensiv und impulsiv die hinter der Komposition steckenden Werte auszuloten. Karajan, Toscanini (habe ich live nie erleben dürfen) und Sawallisch schufen mit ihren Interpretationen eher das Erhabene, das Erhabenheitsgefühl.
Welch ein Unterschied in diesen Welten ? Und doch lassen uns beide Welten die Musik nie langweilig werden. Das präzise Abspulen der Stücke, d.h. richtige Noten in richtiger Intonation und vorgeschriebener Dynamik im vorgeschriebenen Tempo, ist doch tödlich langweilig.
Ihr, die Ihr solche Porträts nicht gesehen habt, Ihr habt viel versäumt, sehr viel an Inspiration. - Und Pretre konnte und kann noch immer das, was er musikalisch erreichen und ausdrücken wollte und will, perfekt erst an das Orchester, dann an das Publikum vermitteln. Mein erstes Erlebnis mit Pretre war ein Konzert 1963 oder 1964 in Linz mit den drei Miniaturen von Debussy, Ravels La Valse und noch was. In München dirigierte er Gounods Margarethe in einer ganz tollen Inszenierung (Raimondi, Aragall, Freni !!!!!).
Das Pretre Porträt gibt es sicher über Arte als DVD. Es lohnt sich.
