Georges Pretre Porträt auf ARTE

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Georges Pretre Porträt auf ARTE

Beitragvon Prof » Di 24. Nov 2009, 08:03

Wer hat gestern das Porträt von Georges Pretre auf ARTE gesehen , - war schon ziemlich spät ?
Ein unwahrscheinlicher Künstler. Was der an Inspiration herüberbringt, gab es nur bei wenigen Dirigenten (Bernstein, Carlos Kleiber, Rafael Kubelik z.B. einerseits und Karajan, Karl Böhm, Wolfgang Sawallisch z.B. andererseits - um nur ganz wenige zu nennen, unter deren Leitung ich spielen durfte). Man mag das "Ganz-Körper-Dirigieren" nennen. Das Beeindruckendste war bei allen der Gesichtsausdruck. Bernstein, Kleiber und eben Pretre waren bzw. sind da extrem. Man kann jeden Ausdruck ablesen und muß ihn dann umsetzen. Dazu bedarf es aber der vollen Beherrschung des Instruments. Ein derartiger Dirigent steht schon nahe an der "Verrücktheit". Wenn dann der ungeheure Charme dazu kommt wie bei Bernstein und Pretre, voila, dann muß einfach alles gelingen, auch wenn man anfangs nicht 100%-ig mit der Interpretation einverstanden ist, weil man je in diesen Dingen sehr routiniert ist. Bei diesen großen Maestros war nichts Routine, nicht einmal das Auftrittsritual. Für uns waren z.B. die Vorstellungen mit Carlos Kleiber wie irre Raserei auf dem Nürburgring und der verbundenen Nervenbelastung. Was aber dabei herauskam, das hat dafür entschädigt. Das war aber ganz unterschiedlich. Pretre, Kleiber und Bernstein boten oft das Bild einer wilden Orgie, wobei Bernstein trotz der "physischen Schau" (Böhm hat bei einer Probe nach einem Figaro-Pausenplausch mit Bernstein im JFK Center - ich stand daneben - gesagt: "Soll I normal dirigieren oder a hupfn ?") sich ziemlich genau an die Komponistenvorgaben hielt. Pretre zeichnet Bilder, d.h. er versucht ganz intensiv und impulsiv die hinter der Komposition steckenden Werte auszuloten. Karajan, Toscanini (habe ich live nie erleben dürfen) und Sawallisch schufen mit ihren Interpretationen eher das Erhabene, das Erhabenheitsgefühl.

Welch ein Unterschied in diesen Welten ? Und doch lassen uns beide Welten die Musik nie langweilig werden. Das präzise Abspulen der Stücke, d.h. richtige Noten in richtiger Intonation und vorgeschriebener Dynamik im vorgeschriebenen Tempo, ist doch tödlich langweilig.

Ihr, die Ihr solche Porträts nicht gesehen habt, Ihr habt viel versäumt, sehr viel an Inspiration. - Und Pretre konnte und kann noch immer das, was er musikalisch erreichen und ausdrücken wollte und will, perfekt erst an das Orchester, dann an das Publikum vermitteln. Mein erstes Erlebnis mit Pretre war ein Konzert 1963 oder 1964 in Linz mit den drei Miniaturen von Debussy, Ravels La Valse und noch was. In München dirigierte er Gounods Margarethe in einer ganz tollen Inszenierung (Raimondi, Aragall, Freni !!!!!).

Das Pretre Porträt gibt es sicher über Arte als DVD. Es lohnt sich.
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Re: Georges Pretre Porträt auf ARTE

Beitragvon Beate_Pokorny » Di 24. Nov 2009, 16:08

Lieber Prof, :)

vielen Dank für Deinen Tipp, mal schauen ob ich mir das Pretre-Portrait besorgen kann. So ein vielfältiger Mann, der grenzüberschreitend von Jazz über Filmmusik bis hin zur großen Oper alles dirigiert und z.T. auch komponiert hat, verdient unser aller Respekt!

Für mich persönlich - als Callas-Bewund'rerin - ist die phänomenale Carmeneinspielung von '64 aus dem Salle Wagram eines der liebsten Schätzchen im CD-Schrank. Akustisch, trotz aller Einschränkung dieser Zeit, gut gelöst, wenn nicht gar einzigartig im Raumklang. Man denke nur mal an die wundervoll auskomponierten Rezitative und Chorszenen. Was die Hörner angeht: hört sie nur, mit diesem überpünktlichen Reiz-Ansatz, wie sie mit wahnsinniger Präsenz und "Stuhlkanten-Feeling" überzeugend klar ein mitreißendes mediterranes Ambiente vermitteln. Olè!

Bussi, BEATE :lol:
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Re: Georges Pretre Porträt auf ARTE

Beitragvon Martin2 » Di 24. Nov 2009, 16:12

Doch, habe beides gesehen, das Porträt und auch das Konzert mit den Wiener Philharmonikern am Sonntagabend. Das war schon sehr beeindruckend. "Ganzkörpereinsatz" zeigte allerdings auch der Flötist.
Was mir bei Pretre gefiel, war die unglaubliche Mimik. Anstatt wild rum zu fuchteln (wie andere Dirigenten das tun), dirigierte er viel mit Gesicht und Augen. Sieht man selten.
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Re: Georges Pretre Porträt auf ARTE

Beitragvon Prof » Di 24. Nov 2009, 20:06

Hallo Beate !

Das Pretre Porträt kommt am Dienstag 1.12. um 03:00 früh nochmals. Also: computer scharf machen und eingeschaltet lassen, damit er aufnehmen kann.

Hallo Alberich !
Zu Keilberth: ich war bei seinem Tode im 2.Akt Tristan "Und stürben wir um ungetrennt ---" am ersten Horn (20.7.1968); letzter Einsatz zu mir mit Blickkontakt, dann kippte er vornüber, gerade 60 Jahre alt. Klassischer Dirigent. Super Don Giovanni, Bruckner und Beethoven. Sparsamste Gesten. Er hatte immer sein altes Hornmundstück als Talisman in der Tasche. Josef Suttner war wie ein Onkel zu ihm. Suttner war von 1906-1918 in Karlsruhe. Keilberths Vater war Cellist dort. Übrigens, Keilberth und Freiberg waren sehr befreundet.

Giuseppe Patane ist dann während eines Barbier gestorben. Das ging schon bei der zweiten Nummer los. Er wurde ganz grau im Gesicht und japste nach Luft. Ich saß vielleicht zweieinhalb Meter direkt vor ihm und deutete ihm, doch die Fliege wegzutun. Tat es auch, aber er wurde dan noch grauer und die Lippen wurden blau. Da wußten alle, daß es gleich vorbei sein mußte. Es dauerte nicht einmal eine halbe Nummer, dann brachte ihn Fritz Ruf, unser damaliger Solobratscher aus dem Graben. Der Notarzt kam sofort, aber es war nichts mehr zu retten. (Kettenraucherschicksal ! Trotzdem, großer Künstler und lieber Freund schon aus meiner Linzer Zeit.)
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Re: Georges Pretre Porträt auf ARTE

Beitragvon Beate_Pokorny » Mi 25. Nov 2009, 16:40

Beate_Pokorny hat geschrieben:...mal schauen ob ich mir das Pretre-Portrait besorgen kann. ...


Glück gehabt, das Pretre-Portrait wurde als *.avi Datei aufgezeichnet. Bei Interesse PN an mich. Die ersten 5 bekommen ein Duplikat, innerhalb der BRD Frei Haus.

Einen schönen Ersten Advent,
Bussi, BEATE :lol:
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Re: Georges Pretre Porträt auf ARTE

Beitragvon Hornspieler » Mi 10. Mär 2010, 18:56

Hallo zusammen,

nachdem ich gerade den Thread "in eigener Sache" zu Ende gelesen habe, freue ich mich erstmal, dass sich Peter dazu entschlossen hat doch nicht das Forum zu verlassen. Peter hat geschrieben - und ich weiß jetzt überhaupt nicht, wie man das mit dem Zitieren macht - Geist, Wissen und Gefühl machen den wahren Künstler aus.
Ich habe dann im Forum nach dem Wort Künstler gesucht und bin bei diesem Thread gelandet. George Pretre ist eindeutig ein toller Künstler, finde ich. Ich habe mal ein paar Jahre in einem Chor gesungen und dort hatten wir einen Dirigenten, der so ähnlich dirigiert hat. Alles um uns herum war nebensächlich, die Sorge um den hohen Ton gab es nicht mehr, der gelang dann nämlich wie von selbst. Man schwamm förmlich zusammen auf einer Welle durch das Stück. Bei uns bestand dann allerdings schon mal die Gefahr, dass wir vor lauter Gefühl dahinzuschmelzen drohten und das Metrum flöten ging. Ist das Kunst? Kann ich, der ich zwei Jahre Horn spiele mit einem entsprechend technisch leichten Stück und mit dem richtigen Gefühl schon künstlerisch wirken? Was macht nochmal den Künstler aus? Was muss er fühlen? Was macht sein Geist?
So, jetzt muss ich aber schnell zur Probe. Guten Abend
wünscht
Hornspieler
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Re: Georges Pretre Porträt auf ARTE

Beitragvon Mr.Masterbrass » Do 11. Mär 2010, 01:17

Hallo Hornspieler, wenn du im Flow spielen kannst, dann machst du Musik.
Das bedeutet die Blastechnik soweit zu beherrschen, um dein Empfinden unmittelbar in Musik umsetzen zu können, ein tolles Gefühl.

Oder lieber Prof oder Peter , wie würdet ihr es beschreiben ?

LG Mr. Masterbrass
Zuletzt geändert von Mr.Masterbrass am Do 11. Mär 2010, 01:21, insgesamt 1-mal geändert.
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