Einfluß der Tontechnik

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Einfluß der Tontechnik

Beitragvon Altcorno » Mo 11. Jan 2010, 11:55

Liebe Forumsteilnehmer,

die Zeit zwischen den Jahren habe ich u.a. genutzt, um mal wieder einige meiner zahlreichen Horn-CDs anzuhören. Dabei fiel mir auf, dass die Tontechnik den Charakter einer Einspielung vielleicht mehr beeinflussen könnte als der Solist selbst. Kann das sein?

Beispielhaft möchte ich hier anführen die beiden Einspielungen der Bachsuiten von Baborak und Muzyk. Babaorak mit etwas rauhem Ton, während Muzyk mit extremen Hall aufgenommen wurde. Ganz anders hingegen Baboraks Einspielung der Rosetti-Konzerte - weicher romatischer Ton. Noch krasser fallen die Vergleiche der diversen Mozart-Einspielungen auf. Für mich sehr negativ hier die Tonmischung (nicht der Solopart!) der Aufnahme mit Hinterholzer. Gegenbeispiel im positiven Sinne die Aufnahme von Tomböck von Auf dem Strom etc. Alles von mir natürlich subjektiv empfunden.

Inwieweit kann der Solist beeinflussen, was die Tontechniker zusammen mischen?
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Re: Einfluß der Tontechnik

Beitragvon Prof » Di 12. Jan 2010, 08:03

Ein krasses Beispiel des negativen Einflusses der Tontechnik ist das Brahmstrio mit Tomböck. Hier ist es das Unvermögen der Tontechniker, beim nachträglich nochmals aufgenommenen Anfang die gleiche akustische Umgebung und die gleiche Stimmung zu erzeugen bezw. zu fordern (Stimmung). Wolfgang war auch extrem sauer deswegen. Man muß sich eben selbst in die Abhörkabine begeben und selbst entscheiden. Gespielt hat Wolfgang super, weswegen dieser Technikpatzer umso bedauerlicher ist.

Die vier Mozartkonzerte mit Norbert Hauptmann: zwei der Konzerte sind völlig falsch überspielt und stehen jetzt fast in E.

Bei älteren Orchesteraufnahmen ist es noch schlimmer. Die Hörner sind außer bei solistischen Stellen und den berühmt berüchtigten "Gewaltattacken" kaum zu hören. Man meint, der Dirigent halte sie für unwichtig. Dabei machen sich Dirigenten fast in die Hose, wenn einmal ein zweiter Geiger oder gar ein Bratscher bei einer Probe fehlt.
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Re: Einfluß der Tontechnik

Beitragvon geblo » Mi 13. Jan 2010, 22:30

Hallo,

die Aussage über Hauptmanns Mozartkonzert-LP beruhigt mich ja dann doch. Ich hatte die offenbar aus genannten Gründen recht seltene Scheibe günstig bei ebay geschossen in Erwartung von bekannter Qualität. LP klang komisch, beim Digitalüberspielen auf CD bekam ich auch nichts in de Griff. Allgemein recht schnell, direkt, hoch und hart. -was ich ja so gar nicht vom Solisten kannte. Stimmung hab ich nicht nachgemessen, CD brüllt im Auto gegen den alten Alfa-Motor an;-) An der Interpretation hab ich aber dennoch Gefallen gefunden.

Verschneite Grüße vom Teutoburger Wald
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Re: Einfluß der Tontechnik

Beitragvon Hödlmoser » Mo 8. Feb 2010, 16:20

Montag, 1. Februar 2010 10:05 Uhr, Ö1 (ORF Österreich):
Konzert am Vormittag

Mark Padmore, Tenor; Stefan Dohr, Horn; Julius Drake, Klavier.
Ludwig van Beethoven: a) ausgewählte Lieder: Maigesang, op. 52/4; Neue Liebe, neues Leben, op. 75/2; Adelaide, op. 46; An die ferne Geliebte, op. 98; b) Sonate für Horn und Klavier F-Dur, op. 17
Benjamin Britten: Sechs Hölderlin-Fragmente, op. 61
Franz Schubert: Willkommen und Abschied, D 767; Des Fischers Liebesglück, D 933; Der Musensohn, D 764; Auf dem Strome, D 943
Zugabe: Hector Berlioz: Le jeune patre breton, op. 13/4 (aufgenommen am 15. Jänner im Mozart-Saal des Wiener Konzerthauses)


Ein tolles Konzert, wunderbar gespielt, aber die Tontechnik schaffte es, Stefan Dohrs Horn in eine Altposaune zu verzaubern.
Einzig die Zugabe klang nach Horn.
Wahrscheinlich hatten unsere Supertontechniker das Hornmikrofon direkt in den Trichter gesteckt.

Schade. Liebe Grüße vom Hödlmoser :(
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Re: Einfluß der Tontechnik

Beitragvon Peter » Mo 8. Feb 2010, 22:57

Natürlich spielt die Aufnahmetechnik eine große Rolle.
Viele Tonmeister meinen den objektiven echten Klang aufnehmen zu müssen. Sie stellen das Mikrophon direkt hinter das Schallstück, "denn was da herauskommt ist die Wahrheit!"
Leider begreifen diese Tonmeister nicht, das der indirekte Klang , der auf Reflexion beruht den Charme des Horntones ausmacht.
Mein Vorschlag: Das Mikrophon vor dem Bläser aufzustellen, und zwar zur Wand zeigend, die den Schall zurück wirft.

Überhaupt manipulieren viele Tonmeister den Orchesterklang. Warum sind Hörner eigentlich immer leiser als Holzbläser.
Ich habe die ganze Zeit meiner Hornistenlaufbahn vor dem Mikrophon gesessen und es hassen gelernt. Ich kann gar nicht zählen, wie oft ich frustriert den Lautsprecher vom Radio abgedreht habe.

Man muss begreifen, Musik ist nur live echt. Aufnahmen (Konserven) sind eigentlich nichts anderes wie schön geschminkte Leichen.
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Re: Einfluß der Tontechnik

Beitragvon Hödlmoser » Di 9. Feb 2010, 21:14

Lieber Peter!
Ich kann Deinen Frust verstehen. Horn zu spielen war Dein Beruf, Du konntest Dich wahrscheinlich kaum wehren gegen die Tontechniker. Wir spielten mal vor vielen, vielen Jahren für ein großes Stahlwerk und den Ö.Rundfunk Hornquartette ein, die wir dann Play-Back auf Video vor einem Stahlkochofen wiedergaben. Bei der Audio-Aufnahme sah ich mit Bestürzung, daß die Techniker hinter uns die Mikrofone aufstellten. Ich war als Aushilfshornist eingesetzt, die anderen waren Hornisten des Werksblasorchesters. Ich weigerte mich, diese Aufnahmen so zu machen. Gottseidank war ein alter Tontechniker mit mehr Lebens- und anderer Erfahrung dabei. Er schlug einen Kompromiss vor mit Mikrofonen vorne und mit Mikrofonen hinten. Wir hörten uns dann die verschiedenen Aufnahmen an und kamen zum Schluß, daß die bessere Aufnahme mit den Mikrofonen vorne war. Juhu! Bei der Play-Back-Videoaufnahme machten eine weiterer Aushilfshornist (Bruder des Profs) und ich uns dann den Spaß einen Halbton höher und der andere einen Halbton tiefer zu spielen, was in dem großen Lärm mit herumspritzenden Stahl eh nichts ausgemacht hat.
Richtig gute und objektive Aufnahmen scheint Nimbus-Records zu machen. Die nehmen, soviel ich weiß, nur ein Stereomikrofon und nur zur Korrektur einige andere dazu. Die richtige Positionierung dieses einen Mikros ist aber sehr zeitaufwendig.
Der wahre Grund meiner Abneigung gegen Mikrofon hinten kommt von einer Radio-Live-Übertragung einer Michael Haydn Messe für Oberchor, 2 Sopransolisten, 2 Hörner in B-alto, Kontrabass und Orgel mit 70 hohen "C" fürs 1.Horn. Der Aufnahmeleiter kam nach der ersten Probe mit der Meldung "Die Hörner decken alles zu" gelaufen und setzte uns ganz weit weg vom Chor (Stiftskirche Wilhering) mit Mikros direkt hinter den Hörnern. Schrecklich! Die Aufnahme war praktisch ohne Hörner. Erst im Stück "Nach der Wandlung" entdeckte uns der Tontechniker wieder. Seitdem lehne ich diese Mikrofontechnik vehement ab und spiele einfach nicht, wenn nicht zumindest ein Mikro von vorne als Hauptmikro besteht.
So, das war ein ganz schön langer Beitrag und ich konnte einigen Frust wegschreiben.
Liebe Grüße vom Hödlmoser
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